Montag, 19. März 2018

Im Auslandseinsatz ...

nein, nicht was man jetzt denken mag.
Meine Auslandseinsätze dienen eher der körperlichen Ertüchtigung, der friedlichen Koexistenz und der Völkerverständigung 😍



Wobei das mit der Verständigung bei unserem direkten linken Nachbarn eher problematisch ist, wie ich bereits bei der Anmeldung feststellen musste und es sich vor Ort auch nicht wirklich besserte 😓

2014 hatte ich bereits den Versuch gestartet, so als Ultra-Novize, in Frankreich den Petit Ballon in den Vogesen zu bezwingen.
Unerfahren, wie ich war, fiel der Start natürlich verletzungsbedingt aus und es dauerte tatsächlich 4 Jahre, bis ich mich wieder auf diesen Lauf besann.


Ich wusste noch, dass man für Wettkämpfe in Frankreich, wie auch in anderen Ländern, ein ärztliches Attest benötigt, nur war ich zu doof, dieses auf der Web-Seite des Veranstalters zu finden 😩
Zum Glück kenne ich da jemanden ...
Unsere Tochter konnte ihrem alten Herren helfen und so war diese Hürde schon mal genommen. Aber es sollten weitere dazu kommen ...

Nun ist es in meinem Läuferleben schon brauch, dass ich mir ein Highlight suche und dieses mit diversen vergleichbaren Herausforderungen in der Vorbereitung fülle. So ist der Trail du Petit Ballon d´Alsace also nicht der Wettkampf an sich für mich wichtig, sondern dient der Feststellung des Leistungsstandes für meine ersten Etappenlauf im April, die Bergischen 5.

In der Woche vorm Event stieg die Anspannung natürlich und es wurden die Klamotten hergerichtet.
Diese Hürde bestand in der Auswahl der selbigen: der Winter war echt ätzend und ich habe in jeder Woche einen Lauf ausfallen lassen müssen. Meist wegen beruflicher Dinge und auch wegen der fiesen Kälte, die uns Väterchen Frost aus Sibirien sandte 😓

So fand alles den Weg in meine Kiste:
lange Shirts, kurze Hosen, dicke Hosen, warme Mütze, Windjacke, Regenjacke und für´s Wichei die gaaanz dicken Handschuhe.

Nach einer Umfrage in Facebook, nach Empfehlungen für oder gegen Stöcke, wurden diese auch eingepackt, was ich heute als sehr richtig bestätigen muss.


Ein Hotel zum Nächtigen ward schnell gefunden. Mit Nähe zum Startort von 8 km erschien mir Guebwiller machbar und 45,-€ auch nicht zu hoch.

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit der Herzdame machte der Gnü sich am Sonnabend, den 17.03.2018 auf den Weg ins erste Ultra-Abenteuer 2018.
Die Wettervorhersage für Rouffach konnte nicht schlimmer sein: -14°C und heftige Schneefälle wurden gemeldet und mit gemischten Gefühlen fuhr ich 460 km in Richtung Süden.

Nach etwas konfuser Suche, da Susi der Meinung war mir die Weinberge zeigen zu müssen, fand ich dann endlich den Startpunkt und die Startnummernausgabe. Vorsichtshalber speicherte ich gleich den Punkt in der Navi, denn man weiß ja nie und am Sonntag sollte sich das als weise Voraussicht bewahrheiten 😊

Startnummer empfangen, den Zieleinlaufsekt und das Finishershirt (mal ohne neue Tasche) in Empfang genommen und die Atmosphäre, die solche Orte immer ausstrahlen, aufgenommen.
Ohne Kuchen geht ja gar nicht und so ...


Alles bestens und ich machte mich auf den Weg ins Hotel.
In Guebwiller eingetroffen, Zimmer bezogen hieß es natürlich Carboloding 😊

PPPP (PetersPrivatePastaParty) fand nach wetterchaotischer Suche im Zentrum von Guebwiller statt. Wenn man wüsste, wie die Franzosen ticken ...
Der Chef konnte kein Deutsch oder Englisch und mit Händen und Füßen kam dann raus, dass es erst ab 19:00 Uhr was zu essen gäbe.
Die Kellnerin, so alt wie unsere Tochter in etwa, konnte auch kein Deutsch und mein Französisch beschränkt sich (leider) auch nur auf Bitte, Danke, Entschuldigung und Guten Tag.
Trotzdem wurde ich fündig und im Nachhinein war ich wirklich begeistert.


Also wer mal in Guebwiller essen möchte, dem sei die Brasserie l´Angelus empfohlen, zumal diese am Jakobsweg liegt 😊

Warum ist das jetzt wichtig, wird man fragen.
Nun ja. Als ich im letzten Jahr nach dem Keufelskopf im Garten werkelte, kamen an unserem Haus 4 Wanderer vorbei und stellten sich als Mitglieder der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft vor. Gerade waren liebe Freunde diesen Weg gegangen und auch in meinem Kopf und auf einigen meiner Wege kreuze ich diesen öfter. Die Wanderer erzählten, dass man den Jakobsweg in Deutschland wieder erweiterte und der Volkmarser-Weg sein ein Teil dessen. Somit bekommt der Pilgerspruch: "der Jakobsweg beginnt vor deiner Haustür" eine ganz neue Bedeutung für mich. Vielleicht wird eines Tages ja wirklich die Muschel an meinem Haus hängen und ich kann Pilgerhelfer sein?


So war die Frage: soll ich den Weg nach Santiago de Compostela nehmen oder doch als ersten Schritt mal zum Petit Ballon?

Ich entschied mich für letzeres und verschwand in die Heija, nachdem ich meine Klamotten nun für den Wettkampftag festgelegt hatte.
-2°C und nicht die vorhergesagten -14° hießen also nur 7/8-Hose, passende Calvs von Inov8 zur Hose, kurzes Unterhemd, Longsleev und die Winterjacke von Salomon. Dazu dicke Mütze, die Daunenhandschuh in den Rucksack und die Handschuhe von CompresSport mit den Fleecehandschuhen über die Hände.
Wind/Regenjacke und Buff sowie 1 Liter Getränke waren für den Ultra so und so vorgeschrieben.
Die Matschkrallen (MudClaw300) von Inov8 hatten ja schon auf dem KoBoLT gute Dienste erwiesen nur ich schnürte sie nicht so fest, um ein anschwellen der Füße beim Umklinken, wie im November, zu verhindern.


22:00 Uhr hieß es "Ruhe im Schiff. Licht aus!"

Pünktlich 6:00 Uhr war der Gnü hellwach und nach der Katzenwäsche saß ich mit meinem PowerMüsli, bestehend aus Banen, Haferflocken, Chia-Samen, Goji-Beeren und Soja-Drink bei Kaffee im Bettchen und war ziemlich aufgeregt, denn der Blick aus dem Fenster zeigte ca. 6 cm Neuschnee ...😣


Nach der Freilegung des Space Shuttle, Fahrt zum Startort auf völlig vereisen Straßen und einigen in den Graben gerutschten Autos erreichte ich Rouffach.
Der Ausschilderung zum Parkplatz folgend, war dieser allerdings 7:00 Uhr noch verschlossen und ich dachte so bei mir: die Franzosen sind echt entspannt...
Also war meine Speicherung von gestern perfekt und ich umkurvte die Straßensperren recht unbeeindruckt.
Auf dem Parkplatz, direkt neben dem Zieleinlauf, angekommen und zwischen einigen hartgesottenen Campern den Space Shuttle abgestellt. Perfekt 😊

Die letzten Vorbereitungen getroffen und ab in die Halle.
Hier war es (noch) recht übersichtlich, bis sich herausstellte, dass der Start auf 9:00 Uhr verschoben wurde.
Ich begann zu frösteln und bereut es, mich in der Nähe des Eingangs platziert zu haben.
Naja, dafür war der Weg zur Toilette näher 😉
Nach einer Banane und 2 Powerdrinks mit Chia ging es dann 8:55 Uhr endlich zum Start.
Eine Ansprache in Französisch, wie sollte es sonst anders sein, und nach sehr unspektakulärem Signal setzten sich die 1157 Starter in Bewegung.
Natürlich, wie sollte es anders sein, die langsamen vorn 😞


Anfangs ging es noch ziemlich entspannt durch die Weinberge auf breiten Wegen, die im Lauf des Rennens immer schmaler wurden und für mich mal wirklich die Bezeichnung "Trail" verdient haben.
Ich kann es nicht in tatsächlichen Zahlen ausdrücken, aber ich würde den Anteil an befestigen Wegen auf ca <10% beziffern. Der Rest ist wirklich Trampelpfad.

So kam es natürlich, wie es kommen musste: Anstehen 😞



Zum Glück war die Entscheidung für die Klamotten perfekt und auch die Wahl für die Stöcke.
Nur leider gibt es "Trailrunner" die keine Ahnung vom Umgang mit Sticks haben. Und das Meckern sei bitte gestattet.
Schlimm, wenn der vorauslaufende seine Stöcke so hoch nach hinten auswirft, dass man Angst bekommt, erstochen zu werden oder wenn man nicht in der Lage ist diese festzuhalten. Wenn man sie verliert wäre es schon hilfreich, die hinter einem Laufenden durch einen Hinweis aufmerksam zu machen, anstatt mitten auf dem Weg stehen zu bleiben 😩

Irgendwann hatte ich es geschafft mich ein bisschen frei zulaufen und genoss die Stille und riskierte den einen oder anderen Blick in die unter uns liegende Landschaft.
Warum, kommt mir in den Sinn, finden diese Läufe im März statt und nicht im Mai oder Juni.
Gut, es ist mein Handicap, dass mir so schnell die Tränen fliesen durch den Wind und die Kälte, aber der Frühling wäre mir für solche Landschaft lieber. Wenn die Natur erwacht und das Grün sprießt ...

Danke für die Tränen, denn nach 22 km war ich für kurze Zeit so blind, dass ich mal eben den Trail vermessen musste.
Kurzer Schreck, denn das linke Knie landete sehr hart auf nem Stein. Die  Inov8 hat nun ein Andenken an Frankreich und ich ne Schramme mehr 😭
Aber es folgten noch 2 weitere Stürze. Einer wegen Sauglätte und einer wegen noch mehr Sauglätte 😩

Die Streckenversorgung war ganz IO, nur bei Minusgraten macht das ausschenken von kalten Getränken nicht wirklich Sinn und ich war froh, dass es auch warmen Tee gab. Iso wäre mir zwar lieber gewesen, aber das gefror mir an den Lippen 😲
Die mitzuführenden Becher sollten nun auch in Deutschland zur Pflicht werden, denn diesen Müll, wie er hier zu Lande erzeugt wird, den sucht man da vergebens.
Meinen Faltbecher am Trinkrucksack befestigt, ein Stück Gewürzkuchen in die Schnüss, Hand voll Käsewürfel in die eine und ein paar getrocknete Aprikosen in die andere ging es auf zum Anstieg auf den kleinen Ballon.
Und der hatte es in sich.
In den Schnee war inzwischen ein Trampelpfad getreten und im Gänsemarsch ging es auf den höchsten Punkt der Vogesen mit 1272 Meter über Null, den Kahlen Wasen, was mich unweigerlich an den Kahlen Asten zu Hause erinnerte.


Vor uns lief so ne Quasselstrippe, die glaube ich, allen ein bisschen auf die Nerven ging und ich mir die Frage stellte, warum läuft sie nicht irgendeinen Stadtmarathon? Da kann sie quatschen, hier will man seine Ruhe haben!

Irgendwann musste ein kleines Stück auf einer Wiese bezwungen werden, und wessen Füße bisher mehr oder weniger Trocken waren, der hatte spätestens hier eine Knöcheltiefe Querung hinter sich 😓.
Da es ab dem Gipfel nur noch Abwärts gehen wird, ist´s verkraftbar, dachte ich. Aber auch mit der Kraft ging es ab km 40 bergab.


Oben gab es aber erst einmal ein Gegenseitiges Gipfelphoto und kurzen Schwatz (auf Deutsch) mit dem Streckenposten, der freundlicherweise meine leere Espressodose entsorgt hat. Die Belohnung musste sein, wenn es auch im Sommer besser schmeckt 😉

Was dann kam, war eigentlich nur noch beißen, muss ich gestehen.


Die Zwischenmeldung nach Hause ging auch nicht raus und erst 7 km vor dem Ziel konnte ich die Lieben zu Hause informieren. Aber aus den 7 km wurden einige mehr 😡

Die Kraft war wirklich raus und das fehlen von langen Einheiten, der Kälte des Winters geschuldet, machte sich sehr stark bemerkbar.
Berghoch war ich im Stechschritt mit meinen Stöcken zwar mitunter schneller, als andere die liefen, aber meine Stärke des Bergablaufens konnte ich nicht mehr ausspielen. Und als dann aus dem Hinweis von der Suunto, "nur" noch 800 Meter bis ins Ziel zu haben, uns ein Schild mit "3 km arrivée" "aufmunterte" war ich vollends im Ar...

Es ging über Weinbergwege in Richtung Ziel, nicht ohne noch mal alles geben zu müssen, um nicht zu stürzen.
Und natürlich auch noch mal ne "Bach"-Querung. Also zum letzten Mal knöcheltief ins Wasser einer unausweichlichen Pfütze und dann nach Rouffach rein.
Ein paar wenige Zuschauer klatschten und ihr "Bravo, bravo" erwiderte ich mit einem matten "Merci, merci".
Dann rechts rum. Keine Musik zu hören. Links rum. Immer noch nichts. Noch mal links und an der kurzen Seite des Sportplatzes in Richtung Ziel. Nichts. Space Shuttle in Sicht und letztes Mal rechts rum und der Zielbogen in 100 Metern. Nichts. Gar nichts. Absolut nichts ...
Das war mein mit Abstand emotionslosester Zieleinlauf 😭
Hinter dem Zielbogen eine der Medaillen abgegriffen und aus.


Was war das denn?
Am Ziel gab es nichts. Absolut nichts. Gut. Eine kleine Flache Wasser Naurell und das, was es auch bereits unterwegs gab. Sonst nichts.
Also Haken dran, zum Space Shuttle und die Waschtasche holen, um endlich in trockene Klamotten zu kommen.


Endlich die nassen und kalten Klamotte loswerden war so ziemlich mein sehnlichster Wunsch. Und sehen, was mir der Sturz eingebracht hat.


Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz und auch blau angelaufene Zehen und Füße nicht 😩
Oh ha. Das war echt ein tolles Gefühl, als endlich wieder Leben in den unteren Extremitäten zu spüren war.

Nach dem Duschen wollte ich in der Sporthalle dann das angekündigte Essen für die Finisher der 52 km (55 in Echt), eine elsässische Spezialität, genießen.
Pustekuchen. Zum Glück geriet ich an einen älteren Herren, der ein bisschen Deutsch konnte und mir die Aussage an der Ausgabe übersetzte: das hätte man, wie die Teilnahme an der Pastaparty bei der Anmeldung mit buchen müssen. 😩
Ok. Also auf zum Space Shuttle und ab nach Hause.

Heute, ein Tag später und ausgeschlafen, kann ich sagen: Kann man machen, muss man nicht.
In Summe 8 Stunden Autofahrt für 7 Stunden Laufen halten sich gerade noch in der Waage, aber für nur ein bisschen mehr Startgebühr bekomme ich in meiner Heimat mehr geboten, wenn auch nicht so hoch oben.
Landschaftlich sicher wunderschön, wenn man was gesehen hätte und so bin ich der Meinung, wie schon gesagt: im Mai/Juni wäre ich mal wieder dabei.

Zusammenfassend bin ich trotzdem sehr zufrieden und der Meinung gut vorbereitet zu sein auf meinen Etappenlauf im April, hier in dem Land, wo ich aufgewachsen bin, leben darf, Geld verdiene und Steuern zahle.
Wenn man aber im Ausland noch angesprochen wird: du bist doch der Gnü!? Wir kennen uns vom Maintal-Ultra. Läuft da tatsächlich Benjamin Alig an mir vorbei und hat mich erkannt 😍
Cool!


Ach so. Ergebnisse stehen noch aus:

1157 Starter/innen
876 Finisher/innen

6:59 h
334. Platz gesamt
114. Platz AK

So. Das war ein langer Bericht. Der Lauf war ja auch nicht gerade kurz und freue mich sehr, wenn ich euch bis hier unten fesseln konnte 😊

In diesem Sinne herzlichen Dank für das Lesen meines Blog, bleibt mir alle gewogen und gesund.
Wenn ihr einen Kommentar hinterlasst freu ich mich sehr und verbleibe
mit sportlichen Grüßen
Euer Gnü aus Zü

Kommentare:

  1. Hallo Gnü,

    Glückwunsch zum Finish. Da hattest du ja richtig "Glück" mit dem Wetter :D. Gut durchgebissen!
    Ich hoffe dem Knie gehts gut.

    Gruß
    Sascha

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    1. Dankeschön, Sascha.
      Jupp, hätte (noch) schlimmer kommem können ��
      Alles bestens mit dem Knie. Wie gesagt: Indianer ...
      LG
      Peter

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